Präventiver Effekt 

Zum unmittelbaren Schaden und allenfalls drohenden Strafen kann dann ein enormer Reputationsverlust kommen, bei börsenotierten Unternehmen geht es auch um den Börsenwert. Andererseits wirkt Transparenz im Umgang mit festgestellten Missständen tendenziell vertrauensbildend. Und allein die Tatsache, dass es ein Meldesystem gibt, habe einen präventiven Effekt, sagt Hager: „Mitarbeiter werden sich dann gut überlegen, ob sie Kickbacks annehmen. Und die Geschäftsführung wird eher nicht „Bio“ auf Produkte schreiben, die nicht wirklich bio sind.“

Aus Dr. Roman Hagers Sicht ist es deshalb auch nicht zielführend, ein solches Meldesyestem auf das absolute Minimum zu beschränken. Die EU-Richtlinie zwingt dazu nur, wenn es um Verstöße gegen Unionsrecht geht – abzuwarten bleibt, ob die innerstaatliche Umsetzung hier genauso restriktiv sein wird. Einmal abgesehen von der Frage der Sinnhaftigkeit aus Unternehmenssicht, wäre diese Einschränkung kaum praktikabel: Es würde zu erheblichen Rechtsunsicherheiten führen und Hinweisgeber wie auch Unternehmen überfordern, müssten sie immer zuerst prüfen, ob ein Missstand (auch) eine EU-Vorschrift verletzt.

 

Ein Diskriminierungsschutz für Hinweisgeber gilt zudem auch jetzt schon. Dass Arbeitnehmer Missstände melden dürfen, ist auch nach geltendem Recht unbestritten – rechtlich heikel wird es aber bei der Frage, unter welchen Voraussetzungen sie damit an die Öffentlichkeit gehen dürfen, falls sie Bedenken haben, im Unternehmen nicht ernst genommen oder Repressalien ausgesetzt zu werden. Das führt zu einem weiteren Vorteil eines institutionalisierten, internen Meldesystems: „Es verhindert, dass die Meldung nach außen geht.“

 

„Intern“ bedeutet im Übrigen nicht, dass die Melde-Hotline nicht zu einem Dienstleister ausgelagert werden darf. Im Gegenteil, vieles spreche sogar für eine Auslagerung, sagt Hager und räumt offen ein, da auch in eigener Sache zu reden. Anwälte können für Firmen die Aufgabe übernehmen, die Hinweise entgegenzunehmen, rechtlich zu prüfen und mit den Unternehmen abzuklären, ob und gegebenenfalls welche Maßnahmen zu setzen sind. Den Vertraulichkeitsschutz für den Hinweisgeber garantiert dann der Dienstleister. Und filtert Meldungen heraus, an denen schlicht nichts dran ist. Womit sich auch die Befürchtung reduzieren sollte, dass Whistleblower-Hotlines Bespitzelung und Vernaderertum fördern könnten.